So hat es der Hallenser Jens Milbradt zum Bundestrainer der Turner geschafft
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Von Tobias Grosse, Mitteldeutsche Zeitung
Halle/MZ. - Es ist knapp 30 Jahre her, dass Jens Milbradt Halle verlassen hat. Das Gefühl von Heimat ist ihm aber nie verloren gegangen. „Wenn ich heutzutage mal hinfahre, ist das immer noch wie nach Hause kommen“, erzählt der ehemalige Turner von Weltklasseformat, der heute Bundestrainer der deutschen Männer ist. „Ich schaue mir dann die Ecken an, die ich von früher noch kenne, wie sie sich so verändert haben.“
Fünf-, sechsmal im Jahr kommt Milbradt nach Halle, wo sich einer der wichtigsten Turnstandorte der Republik befindet, wo er seine Heimat hat. Er freue sich über jeden Besuch, sagt der gebürtige Leipziger, der in Halle groß geworden ist. Als Mensch, als Sportler.
Wendejahre waren die „spannendste Zeit meines Lebens“
„Ich war als Kleinkind schon in der Halle“, sagt der heute 56-Jährige, dessen Vater Klaus Milbradt einst selbst Ausnahmeturner und später der erste Bundestrainer des wiedervereinigten Deutschlands war. Durch ihn kam Sohn Jens in Kontakt mit den Geräten.
Mit sechs Jahren begann er im damaligen Bezirkstrainingszentrum Buna Halle-Neustadt selbst mit dem Turnen. „Ich glaube, meinen Eltern wäre es aber lieber gewesen, wenn ich etwas anderes gemacht hätte, da sie um die Anstrengungen wissen, die mit unserem Sport verbunden sind“, sagt Milbradt heute. Seine erfolgreiche Karriere gibt ihm aber recht.
Milbradt war ein eleganter Spezialist am Pferd, gewann 1989 mit der letzten Riege der DDR WM-Silber. Ein Jahr später wurde er unter Leitung seines Vaters Vizeeuropameister am Pferd und an den Ringen für die BRD. Die „spannendste Zeit meines Lebens“ nennt er die Wendejahre. Bei der WM 1989 in Stuttgart sei das Team der DDR abgeschirmt worden, um Fragen aus dem Weg zu gehen. „Als es dann zu Ende ging, kam auch Wehmut auf.“
Milbradt wollte eigentlich Sportjournalist werden
Milbradt, heute Vater einer erwachsenen Tochter, ist seinen Weg aber auch im geeinten Land gegangen. 1995, ein Jahr nach seinem durch Verletzungen bedingten Karriereende, begann er ein Sportstudium in Berlin, 1996 leitete er seine erste Trainingsgruppe in der Hauptstadt – es war der Einstieg in die Karriere nach der Karriere, die ihn vor einem Jahr in das Amt des Chef-Bundestrainers der deutschen Männer geführt hat.
Dabei wollte der Hallenser eigentlich Sportjournalist werden. „Ich habe damals schon Artikel geschrieben, finde alle Sportarten interessant“, sagt Milbradt. „Irgendwann hat mich aber der zeitliche Druck, den man als Sportjournalist hat, abgeschreckt.“ So wurde aus dem einstigen Turner ein Trainer – ganz wie der Vater. Klaus Milbradt, stets Förderer seines Sohnes, starb 2007 im Alter von 67 Jahren nach langer, schwerer Krankheit.
Nils Dunkel vom SV Halle wurde unter Milbradt Europameister
Jens Milbradt trat in seine Fußstapfen. Mit ihm sind viele Erfolge und Entwicklungen im deutschen Turnen verbunden. Zweimal, von 2002 bis 2006 sowie von 2013 bis 2024, war er Nachwuchs-Bundestrainer, dazwischen coachte er Aktive im Seniorenbereich in Berlin. Milbradt hat Stars wie Fabian Hambüchen, Andreas Toba und Marcel Nguyen geformt. Der 2024 nach Olympia zurückgetretene Lukas Dauser, der beim SV Halle zum Barren-Weltmeister wurde, gehörte in Berlin zu seinen Athleten.
Vor einem Jahr ist Milbradt in das höchste Traineramt aufgestiegen, übernahm die Nachfolge von Olympiasieger Valeri Belenki als Coach der Männer. Der erste große Erfolg: Nils Dunkel vom SV Halle, Pferdspezialist wie Milbradt früher, wurde im Sommer in Leipzig Europameister am Barren.
Hallesche Talente neu in der deutschen Männerriege
Nachdem Dauser und zuletzt auch Toba ihre Karrieren beendet haben, ist Dunkel der erfahrenste Athlet in der deutschen Riege. Der 28 Jahre alte geborene Thüringer und Wahl-Hallenser hat die Rolle des Anführers übernommen, will bis zu den Spielen in Los Angeles 2028 weitermachen. „Bei ihm geht es jetzt um Dosierung, wo sollte er sein Niveau halten, wo kann er sich noch entwickeln“, sagt Milbradt.
Der Bundestrainer hat das Turnen in Halle stets im Blick, ist eng verbunden mit Trainerikone Hubert Brylok. „Hubi leistet hervorragende Arbeit, auch der Nachwuchs in Halle entwickelt sich seit Jahren sehr gut“, sagt Milbradt. Mit Anton Bulka, 20 Jahre, und Elias Jaffer, 18, haben es zuletzt zwei SV-Talente in den Kader der deutschen Männerriege geschafft.



